Buddhismus

Der Buddhismus verweist jeden Menschen auf seine eigenen Erfahrungen und lässt ihn nur als wahr annehmen, was sich bei eigener Prüfung als wahr erweist.
Der Verweis auf die eigene Erfahrung und der Verzicht auf blosses Glauben garantieren dem Buddhismus bei den kritischen Wahrheitssuchern des Westens schon seit Generationen einen Ehrenplatz. Überdies weiss der gebildete Westen – mit den dunkeln Kapiteln in der Geschichte des Christentums sattsam vertraut – kaum um die schwierigen Passagen in der Geschichte buddhistischer Tradition. Der Buddhismus gilt im Westen nur halbwegs zu Recht als die friedliche Religion par excellence. Ein an christlichen Vorstellungen und Lehren irre gewordenes und doch mystikhungriges Denken sieht sich heute fast automatisch auf buddhistische Vorstellungen und Lehren verwiesen, wobei es sich mit diesen im Westen noch unbelasteten und unverbrauchten Vorstellungen und Lehren problemlos anfreunden kann. Dieser sich vor allem unter Künstlern und Gebildeten ausbreitende Neo-Buddhismus des Westens bekennt sich zwar in seiner Selbstbezeichnung fast immer zur einen oder anderen der traditionellen buddhistischen Schulen. Der kritische Betrachter der neobuddhistischen Szene gewinnt aber den Eindruck, dass sich nach dem Theravada, dem Mahayana und dem Vajrayana in unseren Tagen ein viertes Fahrzeug in den Formen eines westlichen Buddhismus entwickelt, ein Buddhismus, für den der Weg wichtiger wird als das Ziel. «Prozessfahrzeug» oder pragmatischen Buddhismus könnten wir diese neue Form buddhistischer Spiritualität nennen. Das Nirvana, die Leere, die vollkommene Erleuchtung – all dies interessiert die Neobuddhisten wahrscheinlich nur am Rande. Auch Spekulationen über geistige Wesenheiten, über zahllose Vorleben und eventuell weitere Leben, über Buddhas anderer Zeiten und anderer Welten, kurz der ganz spirituelle Kosmos, der sich im Verlaufe der Jahrhunderte im Buddhismus entfaltete, ist Nebensache. Hauptsache: Der Buddhismus hilft mir hier und heute meinen Geist so zu schulen und zu reinigen, dass ich klarer, würdiger, gelassener, heiterer meinen Alltag bewältigen kann. Wenn ich buddhistisch meditiere, muss ich in Kürze positive Veränderungen in meinem Geist und meinem Leben spüren. Sonst schlage ich andere spirituelle Wege ein. Offensichtlich erleben zahlreiche Westler den Buddhismus als die valable, d.h. in kurzer Zeit positiv wirksame Spiritualität. Anders lässt sich die Beliebtheit buddhistischer Meditationspraktiken im Westen nicht erklären. Wo aber der Weg wichtiger ist als das Ziel, ist auch die Welt und das Hier und Jetzt wichtiger als das Nichts, als das weltlose letzte Erlöschen. Mit seiner Bewertung des Hier und Jetzt und mit seinem Ja zur Welt hat das «Prozessfahrzeug» innerhalb der Geschichte des Buddhismus nochmals völlig neue Akzente gesetzt. Das befreiende Nichts des Erlöschens verblasst in der Liebe der neuen Buddhisten zum geläuterten Leben im Hier und Heute.

Eine vollständige Übersicht über alle im deutschsprachigen Mitteleuropa heute aktiven buddhistischen Gruppen und Zentren ist nicht mehr möglich. So müssten in der Schweiz – so die Schätzungen – heute etwa 100 Gruppen oder Zentren erwähnt werden mit 1000 bis 3000 aktiven «Mitgliedern» und bis zu 300 000 Sym- pathisanten (Tendenz steigend). Die Frage, wer als Buddhist gelten kann, lässt sich nur schwer entscheiden, da buddhistische Gemeinschaften oft keine offizielle Mitgliedschaft kennen oder fordern. Unsere Auswahl versucht, die bekanntesten Gruppierungen und Organisationen zu erwähnen.

In den letzten Jahren machten buddhistische oder buddhismusnahe Sekten von sich reden, allen voran die sog. Aum-Sekte des Soko Ashara (heute: Aleph) in Japan, die traurige Berühmtheit erlangte durch ihren Giftgasanschlag auf eine japanische U-Bahnstation, und die Falun Gong Bewegung, die das rotchinesische Regime mit mehr oder weniger Erfolg zu verbieten oder doch zu unterdrücken sucht.