Psychogruppen

Gemeinschaften und Bewegungen mit primär nichtreligiöser Orientierung

Weshalb führen manche psychologische Schulen und Gemeinschaften, Marketinggemeinschaften und Gemeinschaften mit politischem Programm zu Anfragen bei Sektenberatungsstellen, wie wenn es sich bei ihnen um ausgeprägte Sekten handeln würde?

Jede menschliche Gemeinschaft und Organisation kann sich selber überschätzen. Die Selbstüberschätzung aber drängt eine Gemeinschaft auf sektenhafte Bahnen. «Secta», abgeleitet von «sequi» (= nachfolgen) nannte man im Rom des Römerreiches die philosophischen Schulen mit eindeutiger Meisternachfolge, also z.B. die Neuplatoniker, die Epikuräer, die Stoiker usw. Obwohl grundsätzlich einem wissenschaftlichen Ansatz verpflichtet – Philosophie war und ist vor allem seit Sokrates der Versuch, kritisch erwägend nicht nur die Welt sondern auch das kritisch erwägende Denken selber zu verstehen – fühlten sich diese Schulen der einmal gewonnen Schau und ihrem Meister derart verpflichtet, dass das kritische Befragen im Blick auf die Meistertheorien einem blossen «Nach-Denken» oder «Nach-Beten» wich.

Entsprechend voreingenommen verhielten sich diese Schulen dann anderen philosophischen Schulen gegenüber. Kurz – es entwickelten sich eigentliche Schulen oder Sekten, eine Art Innenwelten der Erkenntnis mit deutlichen Grenzen zur Aussenwelt des Irrtums. Dieses auch im modernen Verständnis ansatzweise sektenhafte Verhalten der alten philosophischen Schulen begegnet uns in der Welt der modernen Wissenschaft unter völlig anderen Umständen, aber mit ähnlicher Ausprägung, nicht zuletzt in psychologischen Schulen und Richtungen. Auch hier verbindet sich ein grundsätzlicher wissenschaftlicher Ansatz mit mehr oder weniger ausgeprägter Meisternachfolge – wir sprechen von Jungianern, Freudianern, Adlerianern usw. – und der Wille zur Abgrenzung der eigenen Erkenntnis gegenüber allen andern, die sich auch mit dem Geist und der Seele des Menschen wissenschaftlich befassen, ist in vielen dieser Schulen wahrscheinlich nicht weniger ausgeprägt als dies in den philosophischen Schulen der alten Welt der Fall war. Mit anderen Worten: Viele – vielleicht sogar die meisten – der psychologischen Schulen der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit sind Sekten im alten, klassischen Sinne des Wortes. Wenn wir nun im folgenden allerdings nur diejenigen Schulen und Lerngemeinschaften besprechen, die dieses latent sektenhafte Grundmuster psychologischer Schulen augenfällig aktualisieren, so deshalb, weil diese und ähnliche Schulen und Gruppierungen immer wieder Gegenstand besorgter Anfragen bei sog. Sektenberatungsstellen sind.

Die Aktualisierung des sektenhaften Grundmusters führt erstens dazu, dass der wissenschaftliche Ansatz der betreffenden Schule fast völlig von ideologischem, dogmatischem Festhalten an Meisterlehren verdrängt wird. Wissenschaftlich sind diese Schulen in ihrer Meistergläubigkeit nur noch scheinbar. Der Meister oder die Meisterin übermitteln die wahren Erkenntnisse in kaum mehr zu hinterfragender Unfehlbarkeit. Eine zweite Folge dieser aktualisierten Sektenneigungen zeigt sich in der fast grenzenlosen Ausweitung des sog. psychologischen Erkenntnisbereichs. Wissenschaftliche Psychologie beschäftigt sich mit den geistig-seelischen Aspekten des Menschseins und sucht dem Menschen zu helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen. Die ausgeprägt ideologischen psychologischen Schulen und Gemeinschaften verwandeln ihre Psychologie oder Psychotechnik zur eigentlichen Heilslehre. Wer ihre Erkenntnisse anwendet, verwandelt nicht nur sich selbst, sondern zuletzt auch die Kultur, den Staat, die Welt. Wie es sich für ausgeprägte Heilslehren gehört, bekennen sich manche dieser Gemeinschaften auch zur Überzeugung, dass ohne ihre Erkenntnisse die menschliche Zivilisation demnächst in den Abgrund der Selbstzerstörung gleite, dass sie sich aber mit ihren Erkenntnissen auf eine völlig neue, beinah paradiesische Stufe heben lasse.

Die dritte und für alle Kritiker schwierigste Konsequenz dieser Verwandlung eines an sich psychologisch-wissenschaftlichen Ansatzes in Ideologie und Heilslehre zeigt sich in der Abgrenzung zur Aussenwelt und im mehr als harschen Umgang mancher dieser Schulen mit ihren Kritikern. Wer diese «Psychologien» kritisiert, hat sie erstens nicht verstanden, zweitens ist er, weil er ja den Heilsweg für alle Menschen verspottet, ein Menschenfeind, ein Wesen, das den Untergang der Menschen beschleunigt, und drittens kann es, wenn das Heil der Menschen auf dem Spiel steht, demjenigen gegenüber, der dieses Heil öffentlich diffamiert, kein Pardon mehr geben. Jede wissenschaftliche Erkenntnisweise und Lehre muss und wird sich Kritik gefallen lassen, weil sie um den Wert kritischer Selbstbesinnung weiss. In den Augen von Nachfolgern einer Heilslehre aber wird die Aufforderung zur kritischen Rückbesinnung oft zu eigentlicher Blasphemie. Die entsprechende Reaktion der sog. psychologischen Schule zeigt, wie weit die Gemeinschaft ihren wissenschaftlichen Ansatz bereits schon verloren hat.

Ähnlich wie die psychologisch definierten Gruppierungen verhalten sich auch gewisse politisch-ideologische Gemeinschaften, hier zusammengefasst unter dem Namen «Politgruppen». Im Unterschied zu den landläufigen politischen Parteien und Gruppierungen werden in der Politgruppe die Ideen, die politischen Programme zu einer Heilslehre «aufgebläht», die sich als solche der üblichen politischen Diskussion entzieht. Fast zwangsläufig wird das Gruppenoberhaupt zur Führergestalt, wenn nicht zum Welterlöser unserer Zeit. Die Aussenwelt wird in dualisti- scher Weise abgewertet und zum Feindbild stilisiert. Umgeben von Gegnern werden die Mitglieder einerseits an die Gemeinschaft gebunden, andererseits wird so die Wichtigkeit der Gruppe betont. Auch Politgruppen reagieren in der Regel vehement auf Kritik von aussen, und auch sie bieten fast keinen Raum mehr für Individualismus und Willensfreiheit.

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