Sekte – Definition und Merkmale

Bei der Beschätigung mit der Thematik der Sekten stellt sich das Problem der Fassbarkeit des Phänomens. Einerseits kennen fast alle den Begriff „Sekte“ und verbinden damit eine meist recht deutliche Vorstellung. „Sekte“ ist folglich ein bekanntes Phänomen.

Zum anderen gibt es keinerlei offizielle oder wissenschaftlich allgemein anerkannte Definitionen des Begriffs „Sekte“. Es finden sich beinahe so viele Definitionen, wie es Sekten-Fachleute gibt. Das Phänomen „Sekte“ erweist sich als für den (deduktiven) definitorischen Zugriff schwer fassbar.

Angesichts dieser Situation legt sich ein Vorgehen nahe, das (induktiv) vom landläufigen Sektenbegriff ausgeht. Dieser lässt sich etwa so umschreiben:
„Sekte“ ist eine Gemeinschaft, die (auch private) Freiheit raubt.
Darin sind sieben wesentliche Merkmale des Phänomens Sekte enthalten:
1. Sekte ist immer eine konkrete Gruppe resp. Organisation.
2. Das Sekte-Sein einer Organisation entscheidet sich an deren Verhalten.
3. Der Sektenbegriff ist vom aufklärerischen Freiheitsbegriff abhängig. Die Rede von Sekten macht nur Sinn in einem Kontext, der von der Aufklärung geprägt ist.
4. Sekte bezeichnet eine Organisation, die dem Mitglied Autonomie nimmt.
5. Die Sekte zielt dabei auf den ganzen Bereich persönlicher und gesellschaftlicher Entscheidungsfreiheit, beschränkt sich also nicht wie Schule oder Armee auf bestimmte Bereiche.

Aus dieser Bestimmung des Begriffs Sekte wird deutlich, dass dem Sektenphänomen am ehesten eine Problemdefinition angemessen ist:

„Sekte“ ist eine Gemeinschaft, bei welcher ehemalige Mitglieder und Angehörige die Abgabe von Autonomie als von der Gruppe erzwungen erleben.

Diese Definition ist einerseits von einer subjektiven Einschätzung abhängig: Es wird klar, dass dieselbe Gemeinschaft von unterschiedlichen Menschen in ihrer Sektenhaftigkeit sehr verschieden erlebt werden kann.

Andererseits ist das Auftreten dieser subjektiven Einschätzung objektiv messbar: Es kann festgestellt werden, welcher Prozentsatz ehemaliger Mitglieder der Gruppe X die Gruppe X als Sekte erlebt haben. Daraus kann wiederum für neue Mitglieder gefolgert werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie die Gruppe X als Sekte erleben werden.

Aus der vergleichenden Betrachtung von Gemeinschaften, die einen im Vergleich mit anderen hohen Prozentsatz von Aussteigern produzieren, welche die Gemeinschaft als sektenhaft erlebt haben, können Merkmale potenziell als Sekte wirkender Organisationen (sog. Sektenmerkmale) gewonnen werden, z.B.
1) Eine Führungspersönlichkeit, deren Aussagen nicht hinterfragbar sind und der allfällige Verehrung zukommt.
2) Regulationen für viele Bereiche des Lebens.
3) Ein (institutionalisierter oder informeller) Kontrollmechanismus zur Ueberwachung des Verhaltens der einzelnen Mitglieder.
4) Ein Elitebewusstsein der Organisation.
5) Eine Innen-Aussen-Spaltung mit Abwertung der Aussenwelt, eine systematische Abwertung des bisherigen Lebens.
6) Endogamie, d.h. ein Verbot oder die Ächtung von Liebesbeziehungen zu Aussenstehenden.
7) Hohe zeitliche Inaspruchnahme der Mitglieder.
8) Z. T. auch weitgehende Indienstnahme der finanziellen Ressourcen der Mitglieder u.a.m.

Zur schnellen Prüfung der Sektenhaftigkeit von Gemeinschaften haben sich folgende drei Merkmale bewährt, die gemeinsam gegeben sein müssen, um bei einer Gemeinschaft hohe Sektenhaftigkeit erwarten zu lassen:
1) eine Führung, die von den Mitgliedern nie kritisiert wird
2) Regulationen für alle Bereiche des Lebens
3) Kontrolle der Beachtung dieser Regeln entweder formell oder informell.

Deutlich wird aus der obigen Merkmallisten die Gradualität der Sektenhaftigkeit. Die meisten der erwähnten Merkmale können in ganz unterschiedlichem Ausmass zutreffen. Erst eine Zusammenschau ergibt ein Bild der Sektenhaftigkeit einer bestimmten Gemeinschaft.

Klar wird auch, dass sich einzelne sektenhafte Züge in jeglicher Gemeinschaft finden können: In einer Clique Jugendlicher gibt vielleicht einer den Ton an, ohne dass andere ihm zu widersprechen wagen. Mit den Kollegen aus dem Revolutionären Aufbruch gibt es möglicherweise Probleme, wenn ihnen ein neuer Lebenspartner vorgestellt wird, der bei der jungen SVP mittut. Der konservative Pfarrer informiert u.U. die Eltern, wenn er bei einem Schüler eine BRAVO findet.

Wichtig (für das Ergehen des Mitglieds) ist die Unterscheidung von potenzieller und effektiver Sektenhaftigkeit. Eine Gemeinschaft kann Regeln für alles Mögliche aufstellen, solange sie deren Einhaltung dem Einzelnen überlässt, wird die sektenhafte Wirkung gering sein. Ein Meister kann sich für noch so unfehlbar und göttlich halten, solange er innerhalb seiner Gemeinschaft nicht nur Zustimmung, sondern auch regen Widerspruch findet, kann er nicht die unumschränkte Position des Sektengurus einnehmen. Die Aussenwelt kann noch so sehr abgewertet werden, solange die Mitglieder nicht effektiv von ihr fern gehalten werden, wird eine sektenhafte Abschottung der Gemeinschaft unmöglich sein.

Zusammenfassend kann eine Gemeinschaft über eine recht hohe potenzielle Sektenhaftigkeit verfügen, effektiv aber äusserst liberal sein. Zu prüfen ist deshalb immer die Lebenspraxis der Mitglieder, nicht die Ebene theoretischer Regulationen.

Anhand der genannten Sektenmerkmale kann nun versucht werden, eine Art Thermometer oder Fiebermesser der Sektenhaftigkeit aufzustellen, das z.B. so aussehen kann (nach Georg Schmid und Joachim Müller):

– Normaltemperatur: ich bin / die Gruppe ist etwas Besonderes; ich engagiere mich, weil ich noch besser werden will / die Gruppe zum Erfolg kommen soll. Der Lehrer unterrichtet „Lebenskunde“ und tritt mit dem Schüler in einen Dialog.

– Leicht erhöhte Temperatur: Ich bin be-geist-ert: ich bind / die Gruppe ist besser als die Anderen; dass das so bleibt, dazu braucht es mein Engagement / die Gruppe muss zusammenhalten. Die Leute sollen das nur merken. Identitätsstiftende Merkmale werden wichtig.

– Es wird fiebrig: Mein Meister lehrt ein neues Menschsein – ich werde aufgefordert, mein früheres Leben aufzugeben. Ich gehöre nun zur besten Gruppe; was ich tue, sollen möglichst alle tun. Missionarischer Druck entsteht:ich muss andere davon überzeugen: allein diese Gruppe ist die richtige – in ihr ist Heil.

– Das Fieber steigt: nur ich / meine Gruppe hat das Heil / die Wahrheit: Die Lehre ist vollkommen und vom Himmel abgedeckt (himmlische Stimmen). Der Prophet ist allein „Werkzeug Gottes“. Wer anders glaubt / lehrt, ist verloren. Wer nicht mitmacht, ist verloren. Die Aussenweilt / meine frühere Welt (Eltern, Ehepartner, Kollegen) ist dämonisch, ebenso alle anderen Religionen. Das Datum meiner Konversion / meines Eintritts in die Gruppe entscheidet mein Leben; ich kann neu in Hell (das jetzige Leben) und Dunkel (das frühere Leben) unterscheiden. Identitätsmerkmale bestimmen das Leben im Alltag (neuer Name, besondere Kleidung, spezielle Nahrung). Jede Kritik ist für mich / für die Gruppe gefährlich. Das Verhalten des Einzelnen wird kontrolliert. Strafmassnahmen werden verfügt.

– Vom Fieber zum Kollaps: der Meister ist göttlich; ich allein bin nichts. Von mir wird Ich-losigkeit verlangt. Wir als Gemeinschaft sind allein selig machend, uns gehört der Himmel allein; alles andere ist zu verdammen. Ungläubige (besonders die des früheren Lebens – Eltern, Geschwister, Freunde) sind zu meiden, ja zu bekämpfen; Unglaube ist Dämonie, ist Verschwörung gegen die Gruppe. Isolation der Gruppe von der „Welt“ wird verlangt. Nur diese Gemeinschaft allein hat (Ueber-) lebensrecht (Arche Noah). Beruhigt kann ich dem Weltuntergang zusehen, denn ich werde gerettet. Heiliger Krieg ist legitim, Martyrium – Leiden für den Glauben führt ins paradies; ebenso kann Selbstmord als Suche nach der anderen, besseren Welt = Paradies legitim sein (Sonnentempler, Heaven’s Gate).

Weil der Sektenbegriff als Problembegriff immer auch negativ wertet, wurden verschiedene Vorschläge gemacht, diesen Begriff durch andere zu ersetzen: ohne Erfolg, da auch der neue Begriff eine Menge von Gemeinschaften bezeichnen soll, welche durch eine Problemdefinition abgegrenzt wurde. Vorgeschlagen wurden:

– Sondergruppe: Betont die Absonderung. Der Begriff wird aber eher für Gemeinschaften verwendet, die sich für alleinseligmachend halten, ohne im engeren Sinn sektenhaft strukturiert zu sein.

– Gemeinschaft mit totalitärer Tendenz: Der Begriff meint das Wesentliche, ist aber zu lang.

– Vereinnahmende Gemeinschaft: Valable Alternative, falls der Sektenbegriff vermieden werden soll.

– Kult: abgeleitet vom englischen „cult“ für Sekte; wogegen „sect“ ~ „kleine Sondergruppe“. Das deutsche Wort Kult bezeichnet demgegenüber – dem lateinischen Ursprungswort cultus näher – keine Gemeinschaft, sondern die Verehrung (eines Gottes, einer Sache). Die Umdeutung kann aus sprachlicher Sicht kaum wünschbar sein.

– Neue religiöse Bewegung: Der Begriff war in den Achtzigerjahren in Gebrauch und tat damals – abgesehen davon, dass Sekten eben gerade keine losen Bewegungen, sondern durchstrukturierte Organisationen sind – durchaus gute Dienste, da a) die damals neu auftretenden Gemeinschaften meist recht sektenhaft waren und b) die Grosszahl der Sekten religiös war. Mittlerweile gibt es aber zahlreiche neue Gruppen, die wenig sektenhaft sind, und eine zunehmende Anzahl nichtreligiöser Sekten (atheistische Sekten, Psychosekten), so dass die Bedeutungsfelder von „Sekte“ und „Neue religiöse Bewegung“ immer weiter auseinander klaffen.

Da mit „Sekte“ ein allgemein bekanntes Wort mit recht klaren definitorischen Konturen zur Verfügung steht, gibt es keine Notwendigkeit, nach einem Ersatz zu suchen.

Etymologisch geht das Wort Sekte auf das lateinische „secta“ zurück, welches vom Verb „sequi“ – „folgen“ i.S.v. „einem Meister nachfolgen“ abzuleiten ist. Die Etymologie betont damit ein wesentliches Merkmal sektenhafter Gruppen.

Die nicht selten zu hörende Ableitung vom Verb „secare“ – „abtrennen“ ist historisch gesehen sekundär und einem veralteten kirchlichen Sektenbegriff von der Sekte als Abspaltung von der Kirche verpflichtet. Effektiv sind die allermeisten heutigen Organisationen, die eine erhöhte Sektenhaftigkeit aufweisen, Neugründungen und nicht Abspaltungen von einer anderen Organisation. Neu mit Sinn gefüllt werden könnte die Ableitung von „secare“ dann, wenn sie als „sich von der umgebenden Gesellschaft abtrennen“ verstanden wird.

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