Sekte – Renaissance eines geächteten Begriffs?

Der Begriff „Sekte“ wirkt diffamierend. Niemand will zu einer Sekte gehören. „Sekte“ sind immer nur die Andersdenkenden. Ich Sektierer? Nur Böswilligkeit kann diesen Verdacht aussprechen. Wohlwollende Theologie verzichtet auf jede Verdächtigung und streicht den Begriff „Sekte“ aus ihrem Vokabular. Mit diffamierenden Begriffen kann und will sie nicht umgehen. Es gibt für sie keine Sekten mehr. Sie beobachtet nur noch „Sondergruppen“ oder „neue religiöse Bewegungen“.

Die Sprache der Presse und des Volkes hat sich den fairen Optionen der Theologie in keiner Weise angeschlossen. Im Gegenteil – immer öfter gehen Meldungen über „Sekten“ durch unsere Presse. „Sektenwahn“, „Sektenchefin“, „Sektenideologie“ sind Begriffe, die sich ins Bewusstsein der Zeitgenossen immer tiefer eingraben. Theologen reden immer seltener und immer vorsichtiger von „Sekten“, Laien immer häufiger und immer ungenierter.

Sekten sind ein theologisches Unding und eine offenkundige gesellschaftliche Realität. Soll dies so bleiben? Nachdem die Theologie mit ihrer Ächtung des Begriffs „Sekte“ nur Theologen überzeugte, muss sich die Theologie in ihrer Besinnung auf religiöse und gesellschaftliche Radikalismen der gesellschaftlichen Wirklichkeit öffnen. Sie muss „den Leuten aufs Maul schauen“, wenn sie eine Theologie für Menschen und mit Menschen sein will. Theologie braucht einen neuen, theologisch verantwortbaren Sektenbegriff.

Ein neues theologisch verantwortbares Nachdenken über „Sekte“ und „Sektenhaftigkeit“ darf und will nicht zuerst auf den anderen zeigen. Wo „Sektenhaftigkeit“ uns im Leben und Denken anderer auffällt, begegnen wir wahrscheinlich dem Splitter im Auge des anderen, der uns an den Balken im eigenen Auge erinnern könnte.

Dieser Ansatz unserer Besinnung in der Mitte der eigenen religiösen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten und in der Mitte des eigenen christlichen Glaubens erschliesst uns ein neues Verständnis für die Aktualität zeitgenössischer Sekten und eine neue Dimension der Sektenkritik.

Das tiefer Verstandene erlaubt gründlichere Kritik. Unsere Sektenbetrachtung auf Distanz, unser scheinheiliges Reden von Sektenhaftigkeit als Problem weniger religiöser Sonderlinge setzte unserer Sektenkritik peinlich enge Grenzen. Unsere Theologie der Sekten war in Zeiten der distanzierten Sektenbetrachtung das schwächste Kapitel unserer Theologie überhaupt. Wir sprachen von Sekten etwas mitleidig lächelnd wie von religiösen Welten, zu denen ein klares Denken sowieso keinen Zugang findet. Also erübrigte sich auch eine ernsthafte Theologie der Sekten.

Das muss und wird sich ändern, sobald wir Sektenhaftigkeit als unsere ureigene Möglichkeit entdecken. Wir werden plötzlich Skurrilität mit Würde und Wahn mit Anstand begegnen. Sektierer werden Mitmenschen werden, die theologisch beachtet und verstanden werden wollen. Und Sektenhaftigkeit in ihrer elementaren Form wird zur innersten Möglichkeit jeder religiösen Gemeinschaft.

„Sekte“ ist etymologisch betrachtet wahrscheinlich die Gruppe der eindeutigen Nachfolger (sequi = folgen). Die Verbindung des Begriffs „Sekte“ mit „secare, schneiden, trennen“ ist sekundär, hat aber die Geschichte des Begriffs entscheidend mitgeprägt.

Sekte ist Gemeinschaft in eindeutiger und totaler Wahrheit. Sekte kennt eine Wahrheit, die ungeteilte Nachfolge und bedingungslose Zuwendung verdient. Das Mitglied der Sekte wirft sich in seine Wahrheit mit dem Mut der Verzweiflung. Jeder Vorbehalt, rational oder moralisch, wird vom Tisch gefegt. Das ganze Leben wird dieser Wahrheit unterstellt und dieser Wahrheit geopfert.

Sektenleben ist deshalb wahnhaft eindeutig, einer Idee gewidmet, einem Meister zugetan, einer Gruppe verbunden, einem Lebensstil verpflichtet. Sekte ist Leben und Gemeinschaft in einzigartiger Eindeutigkeit.

 

Das Leben des Nichtsektierers ist vergleichsweise chaotisch, widersprüchlich, zweideutig, inkonsequent. Er folgt – wenn er nachfolgt – mit tausend Halbheiten, Kompromissen und Vorbehalten. Er vertritt eine Idee versteckt hinter tausend Fragezeichen. Er verkündet eine Wahrheit, die er in seinen Zweifeln wieder siebenmal relativiert. Kurz – der Sektierer folgt eindeutig und ohne Vorbehalt. Er hat und lebt eine Wahrheit.

Der Nicht-Sektierer sucht seine Wahrheit. In Zeiten grosser Unsicherheit wirkt der Sektierer auf viele Zeitgenossen wie ein Leuchtturm im stürmischen Ozean. Sektenhaftigkeit als totale Nachfolge ist genau besehen nichts anderes als die innerste Kraft jedes jungen und lebendigen Glaubens.

Jedes Sektenmitglied gleicht zuerst dem Fischer am See Genezareth, der alles hinwirft – Netze und Beruf, Familie und dörfliche Heimat – um dem Ruf Jesu zu folgen. Oder er gleicht dem Jüngling, der von der Begegnung mit dem Buddha überwältigt alle bisherigen Lebensziele über Bord wirft und Mönch wird.

Jede Weltreligion ist in ihrem Grund und in ihrer Quelle Sekte im Sinne radikaler ungeteilter Nachfolge. In nuce ist jede lebendige Religion Sekte. Denn nur Sekte als Gemeinschaft bedingungsloser Nachfolge erlebt die lebensverändernde Kraft ihrer geliebten Wahrheit.

Wer halbherzig nachfolgt, lebt dauernd in Zweifeln. Die Wahrheit, der er mit tausend Vorbehalten dient, kann und wird ihnen immer nur halbwegs überzeugen. Nur der Sektierer, der radikale Nachfolger, erlebt, was er glaubt.

 

Die in jeder lebendigen Religion grundlegende radikale Nachfolge ist nun aber bei Jesus wie in jedem menschlich heilsamen Radikalismus mit einem derart grossen Mass an Engagement für den Nächsten und derart intensiver Liebe zum je begegnenden Menschen verbunden, dass die Sekte der radikalen Nachfolger nicht in religiöse Besserwisserei und Verachtung Andersdenkender abgleitet. Genau dieses Schicksal erleidet jede radikale Nachfolge, wenn sie nicht mehr durch ebenso radikale Mitmenschlichkeit aufgewogen wird.

Die eine Idee, der der Sektierer bedingungslos dient, wendet sich gegen alle anderen Ideen. Der eine Mensch, dem der Jünger folgt, entwertet alle anderen Menschen. Die eigene Gruppe dämonisiert den Rest der Menschheit. Wer zur eigenen Gruppe gehört, ist gerettet. Wer nicht dazugehört, wird in der Hölle enden. Kurz – alle Auswüchse prägnanter Sektenhaftigkeit entwachsen einer radikalen Nachfolge, die die einst ebenso radikale Mitmenschlichkeit verlor.

Wer sich gegen den Rest der Welt stellt, muss seinen Kampf auch ideologisch begründen. Sonderlehren – von den ehemaligen Glaubensgenossen als Irrlehren quittiert – demonstrieren die grenzenlose Andersartigkeit der eigenen Sicht.

Die kleinsten Lehrunterschiede werden zu monumentalen Differenzen emporstilisiert. Der Himmel begegnet der Hölle. Die reine Wahrheit besiegt die Lüge. Wo radikale Nachfolge die radikale Mitmenschlichkeit verliert, wird die natürlichste Sache der Welt, Meinungsunterschiede in Glaubensfragen, zum Graben, der Welten voneinander scheidet.

Weit über die blossen Gegensätze in religiösen Lehren hinaus führt die zeitgenössische Sektenszene. In der Gegenwart sind Sekten durchaus nicht nur Gruppen mit religiösen Sonderlehren, sondern Gemeinschaften in fast bedingungsloser Ichauflösung, Wir-Erlebnisse in möglichst weitgehender Identifikation mit dem Meister, dem Guru, der vergöttlichten Sektenchefin oder dem neuen Heiland oder Buddha.

Ichmüde und an ihrer Individualität leidende Zeitgenossen finden in der Sekte fast vollständige Entlastung und Befreiung. In der Sekte muss kein Ich mehr an sich selber zweifeln und leiden. Es kann sich auflösen im grossen Selbst des Meisters und im grossen Wir der Gruppe. Sekte ist eine Gruppenreise ins grosse Selbst und für gemeinschaftshungrige Zeitgenossen ein Erleben einer totalen Gemeinschaft.

Eine neue theologische Besinnung auf das Phänomen der Sekten und der Sektenhaftigkeit wird die verschiedensten Aspekte und Dimensionen der radikalen Religiosität berücksichtigen. Das soeben Gesagte kann nur Skizze und Andeutung sein. Wie immer aber sich diese neue Theologie der Sekten entfalten wird, sie wird nie mehr in alter, selbstherrlicher Manier Sektenhaftigkeit nur bei anderen diagnostizieren. Das wäre scheinheilig.

Bigotte Theologie aber ist das letzte, was die Kirche heute braucht. Sie wäre ein schlechter Dienst an den Kirchen. Kirche ist in ihrem Ursprung mehr Sekte, als sie heute mancherorts wahrhaben will – auch wenn sie ab und zu ein gnädiger Geist radikaler Menschennähe von vielen ausgeprägt sektenhaften Konsequenzen einer radikalen Nachfolge bewahrt hat.

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