Christina von Dreien

Die Esoterik-Szene in der Schweiz hat einen neuen Jungstar. Ähnlich wie Mike Shiva in den Achtziger Jahren als „jüngster Hellseher der Schweiz“ für Furore sorgte und Pascal Voggenhuber in den 2000ern mit der Affiche „Ich bin jung und hellsichtig“ die Säle füllte, lässt heute wieder ein Nachwuchstalent das esoterisch und spirituell bewegte Milieu in Scharen zu Vorträgen strömen. Und wie im Fall von Mike Shiva und Pascal Voggenhuber wirkt auch der neue Stern am Eso-Himmel weit über die engere esoterische Szene hinaus und mittlerweile tief in kirchliche Kreise hinein.

Die Rede ist von Christina Meier, die im Jahr 2001 geboren wurde und im Ortsteil Dreien der Gemeinde Mosnang im Toggenburg lebt, weshalb sie sich das Pseudonym „Christina von Dreien“ zugelegt hat. Bekannt wurde Christina von Dreien insbeson- dere durch mittlerweile zwei Bücher, welche ihre Mutter, Bernadette Meier, geborene Brändle, ebenfalls unter dem Pseudonym „von Dreien“ verfasst hat. Im ersten Band unter dem Titel „Christina – Zwillinge als Licht geboren“ berichtet Bernadette von Dreien vom Werdegang ihrer Tochter Christina, der zweite Band mit der Überschrift „Christina – Die Vision des Guten“ widmet sich schwergewichtig den Lehren, welche Christina von Dreien verbreitet. Ein dritter Band ist in Arbeit, am Ende soll eine ganze „Christina-Buchreihe“ stehen.

Herausgegeben wurden die Bücher vom Govinda-Verlag des Ex-Hare-Krishna-Devotees Ronald Zürrer, der mittlerweile ein persönlicher Freund von Christina von Dreien zu sein scheint (jedenfalls lud sie ihn an ihre Geburtstagsparty und ihr Schulabschlussfest ein). Dieser enge Kontakt hinterlässt Spuren: im zweiten Band der Christina-Reihe finden sich gegenüber dem ersten Band deutliche Anlehnungen an Vorstellungen, wie sie auch von den Hare Krishnas ver- treten werden (etwa beim Gottes- und beim Seelenbegriff oder der Zeitalterlehre).

Bernadette Meier wurde als Bernadette Brändle im Jahr 1972 als sieb- tes von acht Kindern einer kleinbäuerlichen Familie katholischer Konfession geboren und wuchs im Toggen- burg auf. Beruflich machte sie eine Ausbildung zur Medizinischen Praxis-Assistentin und arbeitete einige Jah- re auf diesem Beruf. Mit 22 Jahren heiratete sie. Später war sie im Langstreckenbereich sportlich aktiv und errang verschiedene nationale und internationale Titel. Im Jahr 2012 erfolgte die Scheidung von Christinas Vater. Zwischen 2013 und 2017 absolvierte Bernadette Meier eine Ausbildung zur dipl. Naturheilpraktikerin.

Christina Meier wurde am 15. April 2001 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Elena als Frühchen geboren, Elena starb aber zwei Monate später an einer Hirnhautentzündung. Im Jahr 2003 kam Christinas Bruder auf die Welt. Die ersten Jahre von Christinas Leben waren von medizinischen Schwierigkeiten gezeichnet, so musste sie lange über eine Sonde ernährt werden.

Später hat Christina viel gelesen. Ihre Mutter berichtet: „Christinas Lieblingsbeschäftigung war immer das Lesen. Sie war derart schnell darin, dass ich es oft kaum glauben konnte. Im Alter von zehn Jahren las sie pro Woche mindestens fünf dicke Bücher. 300 Seiten waren da im Nu gelesen, und sie wusste anschliessend über den gesamten Inhalt sehr gut Bescheid … Ihr Lesedrang konzentrierte sich anfänglich vor allem auf Abenteuer- und Fantasiegeschichten, später dann zunehmend auch auf Fachbücher in den Bereichen Naturwissenschaft und Mystik. Mit etwa zehn Jahren entdeckte sie ihre grosse Begeisterung für Kosmologie und Astrologie…“ (Band 1, s. 66) Der Begriff Mystik meint hier, wie im Esoterik-Bereich weithin üblich, wohl weniger die klassische mittelalterliche Mystik und den Sufismus – von diesen zeigt sich bei Christina keine Spur – sondern Literatur, die in religionswissenschaftlicher Sicht den Bereichen New Age, Theosophie und Esoterik zugerechnet würde. Bernadette von Dreien räumt hier ein, dass sich Christina über die Inhalte, die sie später verkündet, durchaus im Voraus durch Lektüre informiert hat.

 

Im Alter von zehn Jahren beginnt Christina ihrer Mutter Vorträge zu halten, zuerst über Science-Fiction-Themen: „Bereits als Kind ab etwa zehn Jahren konnte Christina uner- müdlich und mit grosser Begeisterung während Stunden über das Universum referieren – über Sternentore, Wurmlöcher und Supernoven, über weit entfernte Planetensysteme und Galaxien einschliesslich deren Entstehungsgeschichte, deren jeweilige Naturgesetze und deren vorherrschende Kultur, über fremde ausserirdische Zivilisationen sowie über bedeutende kosmische Ereignisse der Vergangenheit und der Gegenwart.“ (Band 2 s. 123)

Im Februar 2015 beginnt die bald 14- jährige Christina, die Science-Fiction- Themen durch Esoterisches anzureichern. Wie weit für diese thematische Ausweitung die Tatsache mitverantwortlich ist, dass Christinas Mutter seit dem Jahr 2013 eine Naturheilpraktiker-Ausbildung an einer Fachschule für Alternativmedizin und Komplementärtherapie absolviert, bleibt offen.

Auch wenn ihr manches überraschend vorkommt, entscheidet sich die Mutter, den Ausführungen ihrer Tochter Glauben zu schenken: „Da ich also ohnehin bei den allermeisten Themen, über die ich mir Wissen aneignen kann, darauf angewiesen bin, jemand anderem zu vertrauen, entscheide ich mich bewusst dafür, Christina zu vertrauen. Denn im Unterschied zu den nicht immer wirklich vertrauenswürdigen Strukturen unseres politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Systems ist Christina für mich tatsächlich ‚über jeden Zweifel erhaben’, wie man so schön sagt. Auch wenn vieles von dem, was sie mir erzählt und worüber sie referiert, nicht mit meiner bisherigen Weltsicht und nicht mit meinem bisherigen Verständnis der Realität übereinstimmt, halte ich ihre Aussagen dennoch für glaubhaft und für plausibel. Und vor allem halte ich sie als Person für sowohl in höchstem Masse kompetent als auch für vollkommen authentisch, ehrlich und vertrauenswürdig.“ (Band 2 s. 156)

Allfällige Zweifel schiebt sie bewusst beiseite: „Es wäre so einfach für meine linke, rationale Hirnhälfte, alle diese Themen, über die mir Christina seit Monaten berichtet, als blanken Unsinn, als wilde Fantasien oder als spekulative Science Fiction abzutun.“ Sie fragt sich aber: „Auf welcher seriösen Grundlage könnte mein Verstand sein Misstrauen in Christinas Aussagen begründen?“ Da sie Christina vertrauen möchte, „gebiete ich an dieser Stelle meinem Verstand Einhalt. Ich entscheide mich bewusst dafür, meine geistige Trägheit zu überwinden, meine Vorurteile zu entlassen und mich unvoreingenommen Christinas intuitiven und inspirativen Quellen des Wissens und der Erkenntnis zu öffnen.“ (Band 2 s. 157)

Christina von Dreien beschreibt ihre Rolle so: „Ich bin hier als Mensch mit einer reich erfüllten Seele geboren worden – mit einer Aufgabe, auf die ich während langer Zeit vorbereitet wurde. Und ich werde erst von hier weggehen, wenn ich meine Lebensaufgabe erfüllt habe.“ (Band 2 s. 257)

Christina wirkt als Künderin einer neuen Zeit, einer Wendung zum Besseren, eines Happy End. So schreibt ihre Mutter: „Dass oberflächlich betrachtet unsere Gesellschaften weltweit am Abgrund stehen und dass die Menschheit nur wenige Schritte davon entfernt zu sein scheint, sich selbst zu vernichten, ist eine mögliche Sichtweise auf unsere Zeit. Christina schlägt eine andere Sichtweise vor. Ohne die alarmierenden Zeichen der Zeit zu übersehen oder zu verharmlosen, schöpft sie aus einer höheren Wissensquelle die Zuversicht, dass gemäss einer übergeordneten Vision des Guten sich letzten Endes alles auf ein individuelles und kollektives ‚Happy End’ hinbewegen wird – entweder mit vorherigen tiefgehenden Erschütterungen oder aber eher sanft und fliessend. Um den Menschen diese frohe Botschaft zu übermitteln und um auch selbst aktiv an der Transformation hin zum Guten und Lichten mitzuwirken, ist sie hierher gekommen.“ (Band 2 s. 281)

 

Ihre besondere Bedeutung manifestiert sich bei Christina nach ihren eigenen Aussagen auch körperlich: Die Fantasy-belesene Christina behauptet, dass ihr Körper – genau wie Stephenie Meyers Vampire – unter Sonneneinstrahlung glitzert, was allerdings im Unterschied zu Meyers Romanen nur für Menschen mit einer „entsprechend hohen Frequenz“ sichtbar sei. Grund des Glitzerns sei die Tatsache, dass Christinas Zellen nicht auf Kohlenstoff, sondern auf Silizium aufgebaut seien (Band 2 s. 33).

Zudem greift Christina die im Esoterik-Bereich schon länger verbreitete Idee auf, dass die menschliche DNS ursprünglich zwölfsträngig gewesen sei, und dass sich dieser Zustand wieder einstellen würde, wenn die Erde demnächst in die fünfte Dimension aufsteigen würde. Christina übernimmt diese Vorstellung und behauptet, dass sie selbst schon heute über eine zwölfsträngige DNS verfügen würde.

Mit viel Recht könnte man solche Ausführungen als alterstypische Bedeutungs- und Allmachtsphantasien eines Teenagers abhaken. Wie dem auch sei, ob Christinas Körperzellen tatsächlich auf Silizium basieren, oder eher konventionell auf Kohlenstoff, und ob ihre DNS tatsächlich zwölf Stränge aufweist, oder vielleicht doch nur die üblichen zwei, das liesse sich ja nachprüfen.

Eigenartig wird die Sache da, wo Christina behauptet, dass eine Kollegin „eine bronzebasierte Struktur aufweist.“ (Band 2 s. 33) Wie das gehen soll, obwohl Bronze ja kein chemisches Element, sondern eine Legierung ist, bleibt völlig unklar.

Um ihre Bedeutung zu unterstreichen, nimmt Christina auch auf Nostradamus Bezug. Ihre Mutter berichtet: „Gegen 22:00 Uhr kommt sie zu mir ins Wohnzimmer und überbringt mir die Botschaft, die sie soeben empfangen hat. Mit ruhiger und bescheidener Stimme sagt sie: ‚Mama, ich habe gerade die Übersetzung einer Aussage von Nostradamus erhalten.’ Sowohl an ihrer Stimme als auch an dem Umstand, dass sie um diese Uhrzeit nochmals ins Wohnzimmer heruntergekommen ist, erkenne ich die Wichtigkeit und Tragweite dieser Begebenheit. Der Name Nostradamus allerdings sagt mir zu diesem Zeitpunkt kaum etwas. Mit einem sonderbaren Tonfall zitiert Christina: ‚Wenn der Osten brennt, wird die Stimme eines Mädchens über Europa hallen.’ Sofort wird mir klar, dass mit dem Mädchen wohl Christina gemeint ist. Dann skizziert sie mir in Kürze, wer Nostradamus war und dass seine in Französisch verfassten Weissagungen aus dem 16. Jahrhundert zu den berühmtesten und bedeutendsten Prophezeiungen der abendländischen Geschichte gehören. Obschon sie in einer verdichteten, schwierig zu entschlüsselnden Sprachform verfasst sind, die einen grossen Interpretationsspielraum lässt, sind sich die Forscher mehrheitlich darüber einig, das die meisten seiner rätselhaften Weissagungen sich bewahrheitet haben. Was das Zitat betrifft, das Christina angeführt hat, so erklärt sie, dass mit dem ‚brennenden Osten’ vermutlich Konflikte und Kriege im Nahen Osten gemeint sind.“ (Band 2, s. 251)

Soweit die Darstellung von Bernadette von Dreien. Allerdings ergibt sich da ein Problem: Bei Nostradamus finde ich das von Christina „angeführte“ „Zitat“ nicht. Es gelingt mir nicht mal, eine Passage zu entdecken, die inhaltlich wenigstens halbwegs ähnlich wäre.

In dieser Situation habe ich beim Govinda-Verlag nachgefragt, wo im Gesamtwerk des Nostradamus das Zitat zu finden sei. Für die Antwort hat sich Verlagsleiter Ronald Zürrer eine Woche Zeit gelassen. Dann meint er: „Es handelt sich bei diesem Nostradamus-Zitat nicht um eine bereits bekannte oder irgendwo publizierte Aussage. Vielmehr verhält es sich so, dass Christina an jenem Abend die entsprechende Botschaft aus der geistigen Welt empfangen hat.“

Wenn dem so ist, warum wird das im Buch nicht so gesagt, sondern der Eindruck erweckt, es handle sich bei Christinas Aussage um eine Übersetzung einer der bekannten Aussagen von Nostradamus? Im Text ist von „Zitat“ die Rede, von „zitieren“ und von „Übersetzung“. Ein „Zitat“ setzt eine bereits publizierte Aussage voraus, und eine „Übersetzung“ ein Übersetztes. Beides scheint im vorliegenden Fall nicht zu existieren, so dass die Darstellung des Buches nur als unzutreffend und irreführend bezeichnet werden kann.

Hat Christina von Dreien bewusst ein Nostradamus-„Zitat“ erfunden, um sich den Anstrich einer bereits vor Jahrhunderten prophezeiten europaweiten historischen Bedeutung zu geben?

Etwas eigenartig wirkt die Sache um das unechte Nostradamus-Zitat nicht zuletzt dadurch, dass Christina von Dreien nicht müde wird, den Medien Manipulation zu unterstellen. Gilt hier die alte Lebenserfahrung, dass Menschen das, was sie selbst praktizieren, bei anderen auch voraussetzen?

Nach ihren Angaben hat Christina Zugang zur Akasha-Chronik, welche sie im Anschluss an Rudolf Steiner als universale Wissensbibliothek versteht. In diesem Zusammenhang ergeben sich bei Meiers zuhause ganz praktische Fragen, so meint Christinas Mutter:

„Könnest du die Wissensbibliothek auch anzapfen, um Dinge für die Schule in Erfahrung zu bringen? Könntest du zum Beispiel einfach irgendwo die Schublade ‚Französisch’ öffnen und dann plötzlich diese Sprache perfekt beherrschen?“

Christina antwortet: „Das würde ich niemals tun, Mama, bloss um mir in der Schule einen Vorteil zu verschaffen. Das wäre doch sehr unfair.“ (Band 2, s. 66)

Als Christina im Jahr 2015 eine Zahnspange bekommen soll, meint ihr jüngerer Bruder: „Du kannst dir deine Zähne ja selber zurechtrücken mit deiner Energie.“

Christina antwortet: „Ja, das könnte ich in der Tat. Aber erstens würde ich mir dadurch in diesem irdischen Leben einen Vorteil verschaffen und zweitens müsste ich auch wissen, wohin genau ich meine Zähne zu verschieben hätte.“ (Band 2, s. 201)

Christina von Dreien meint, sie sei eine „reife, kosmisch erfahrene Seele“, die „ihre zahlreichen Erfahrungen hauptsächlich ausserhalb der dreidimensionalen Sphären gesammelt hat.“ (Band 2 s. 57)

Aus diesem Grund habe sich Christina erst wenige Male auf dieser Erde inkarniert, zurzeit erinnere sie sich an fünf Inkarnationen, wovon sich zwei in Atlantis abgespielt hätten, welches nach Christina den ganzen Mittelteil des atlantischen Ozeans eingenommen habe und dessen Pyramiden noch heute auf dem Meeresgrund des Atlantiks zu finden sein müssten (Band 2 s. 181).

Die dritte und vierte irdische Inkarnation seien sog. Parallelinkarnationen gewesen, d.h. dass unterschiedliche Seelenteile Christinas sich ungefähr zeitgleich in zwei unterschiedlichen Personen inkarniert hätten: „Diese beiden parallelen Inkarnationen seien weiblich gewesen. Eine davon habe der Erforschung der Naturwissenschaften gedient, und die andere habe sich mit Philosophie beschäftigt sowie sich auch für gesellschaftspolitische und soziale Themen engagiert und einen Grossteil ihres Lebens in Indien zugebracht. Im Dreidimensionalen seien sich diese beiden Frauen nie begegnet, doch beendeten beide ihren Aufenthalt fast zeitgleich in den 1930er-Jahren.“ (Band 2 s. 58)

Die Namen der Inkarnationen nennt Bernadette von Dreiens Buch nicht. Inhaltlich und zeitlich passen würden die Physikerin und Chemikerin Marie Curie (7. November 1867 – 4. Juli 1934) und die Theosophin und Frauenrechtlerin Annie Besant (1. Oktober 1847 – 20. September 1933).

In der zweiten dieser Inkarnationen, vermutlich Annie Besant, war Christina von Dreien nicht allein. Ihrer Mutter teilt sie im Jahr 2016 mit, dass diese ebenfalls in der Theosophin inkarniert war: „Es bedeutet, dass wir beide damals eine gemeinsame Inkarnation erlebt haben. Man könnte dies auch Doppelinkarnation nennen. Deine Seele und meine Seele waren in ein und demselben Körper inkarniert, und auf diese Weise haben wir gemeinsame Erfahrungen gesammelt und unsere Erlebnisse miteinander geteilt. Dies war eine Vorbereitung für unsere aktuellen Inkarnationen als Mutter und Tochter.“ (Band 2 s. 58) Von kritischer Seite wird gelegentlich angemahnt, dass Bernadette von Dreien ihrer Tochter zu wenig Distanz lasse. Christinas Idee einer gemeinsamen Inkarnation ist nicht geeignet, solchen Befürchtungen zu wehren.

Auf die Parallel- und Doppelinkarnation folgte nach Christinas Angaben eine männliche Inkarnation, die sich im Zweiten Weltkrieg einer Widerstandsbewegung angeschlossen und bis Ende der Neunzigerjahre gedauert habe. Da keine weiteren Angaben gemacht werden, kommt eine Vielzahl an Personen in Frage.

Ein Grund für die Faszination, welche Christina von Dreiens Lehren auf Menschen innerhalb und ausserhalb der Esoterik-Szene ausübt, ist ihre Betonung der Unterstützung, welche jeder Mensch aus den höheren Sphären erhält. Dabei nimmt Christina auf, was in unterschiedlichen Strömungen, z.B. in der katholischen Kirche, in der Theosophie und im Neo-Schamanismus, an geistigen Begleitfiguren gelehrt wird, und addiert diese zu einem Team, welches mitunter eine grössere Gesellschaft darstellen kann.

So finden sich bei jeder Person mindestens sechs unterschiedliche Typen geistiger Begleiter:

Geistführer: „Diese Wesen kennen unseren Seelenplan ganz genau, denn mit ihnen zusammen haben wir vor der Inkarnation unseren Seelenplan entworfen. Während des Lebens stehen sie uns als Berater zur Seite“. Die Geistführer können auch befragt werden: „Sofern wir unseren Geist- führern in angemessener Weise möglichst präzise formulierte Fragen stellen, sind sie nahezu allwissend – ähnlich wie Suchmaschinen und Enzyklopädien im Internet.“

Die Geistführer können im Lauf des Lebens wechseln, was bei Christina offenbar auch der Fall ist: „Was Christinas geistige Berater betrifft, so wurde, wie sie erzählt, in den vergangenen Monaten seit Erscheinen von Band 1 ihr ganzes Beraterteam vollständig ausgewechselt.“ (Band 2 s. 25)

Schutzengel: „Sie sind eine Art ‚geistige Bodyguards’ und bewahren uns sowohl energetisch als auch physisch vor Angriffen.“ (Band 2 s. 26)

Läufer: „Sie sind eine Art Auftragserfüller, und sie sind stets in Bereitschaft, um von uns irgendwelche Aufträge entgegen zu nehmen, und dann wortwörtlich loszulaufen.“ Christina meint: „Wenn man sie höflich fragt und wenn man ihnen für ihren Dienst Dankbarkeit zeigt, dann machen sie praktisch alles, worum man sie bittet.“ (Band 2 s. 27) So könne man die Läufer beispielsweise dafür einsetzen, „etwas wiederzufinden, das man verloren habe, oder um mögliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit man wichtige Termine nicht versäumt.“ (Band 2 s. 27)

Die Lehre von den Läufern propagierte Christina im Herbst 2017 in ihren Seminaren, und hatte daraufhin den Eindruck, dass die Seminarbesuchenden nun deren jeweilige Läufer mit Fragen zu Christina senden würden: „Wie Christina im Januar 2018 berichtet, wird sie mittlerweile ständig von zahlreichen Läufern aufgesucht, die ihr irgendwelche Zettel mit Fragen hinhalten. Sie stellt klar, dass diese Belagerung ihrerseits nicht erwünscht sei, und sie ersucht alle Menschen, ihr bitte keine Läufer mehr zu senden.“ (Band 2 s. 28)

Lichtheiler: „Diese Wesen sind eine Art feinstoffliche Ärzte und helfen dem Menschen, für den sie zuständig sind, bei ungeplanten Beschädigungen sowohl der unterschiedlichen feinstofflichen Körperhüllen als auch des physischen Körpers.“ (Band 2 s. 28) Optimal funktioniert dies im Schlaf: „Am besten können sie ihre energetischen oder physikalischen Reparaturarbeiten verrichten, wenn sich der physische Körper in einer Ruhephase befindet, also in bewusstem Ruhezustand oder während des Schlafes. Dabei sollte die genaue Heilanweisung vor dem Schlafengehen so präzise wie möglich formuliert werden, um dann im Laufe der Nacht erfüllt zu werden.“ (Band 2 s. 28f.)

Ritter: „Christina erklärt, dass diese Ritter wie Schutzengel sind, die sich weitergebildet und spezialisiert haben. Während Schutzengel sozusagen ‚Allrounder’ sind, gibt es unter den Rittern solche, die sich mehr auf das Grobstofflich-Physische spezialisiert haben, und solche, die mehr für das Feinstofflich-Astrale zuständig sind.“ (Band 2 s. 29)

Feldhalter: Die Feldhalter dehnen bei Bedarf das Energiefeld des Menschen aus, „um in einem bestimmten geografischen Gebiet das Schwingungsfeld und die allgemeinen Frequenzen aufrecht zu erhalten.“ Sie erinnern damit an Kraftfeld-Projektoren aus Science-Fiction-Filmen. „Christina hat seit ihrer Geburt fünf solche Feldhalter hinter sich, die allesamt dem Reich der Feen entstammen.“ (Band 2, S. 29)

Weitere Begleiter: Besondere Menschen haben zusätzlich noch besondere Begleiter.

Elena: Im „geistigen Team“ von Christina spielt auch ihre verstorbene Zwillingsschwester Elena eine wesentliche Rolle: „Für Christina ist Elena eine Art ‚Mädchen für alles’. Sie erklärt Elenas Rolle im Herbst 2017 wie folgt: ‚Elena gebührt mit ihrer hohen Lichtfrequenz eine Sonderposition innerhalb meines geistigen Begleitteams, das inzwischen aus mehreren Dutzend unterschiedlichen Wesen besteht. Elena ist mein Autopilot, meine Navigation durchs Leben, aber zugleich auch eine Geistführerin und ein Schutzwesen.’“ (Band 2 s. 26)

Maria und Guan-Yin: Zudem gehörte dem „geistigen Team“ von Christina von 2015-2017 auch die „Heilige Maria“ an, bevor sie durch „Guan-Yin“ ersetzt wurde (Band 2 s. 26). Aus ihren Beschreibungen wird restlos klar, dass Christina an die Mutter Jesu denkt, und annimmt, während zwei Jahren von dieser begleitet worden zu sein. Ob mit Guan- Yin die Kuan Yin des chinesischen Buddhismus gemeint ist, oder eher die theosophische aufgestiegene Meisterin desselben Namens, bleibt offen. Wahrscheinlicher ist das letztere.

Religionskundlich spannend ist die Beobachtung, wie in der Darstellung jenseitiger Sphären in der Esoterik jeweils aktuelle gesellschaftliche Phänomene abbilden. Im 21. Jahrhundert finden sich in der geistigen Sphäre eine Art Wikipedia, Navigation, ein Autopilot und die Möglichkeit der Weiterbildung.

Der Hauptgrund für die Attraktivität von Christina von Dreien für Menschen innerhalb und ausserhalb der Esoterik-Szene ist vermutlich die Tatsache, dass sie die schon seit Jahrzehnten in der alternativen Spiritualität vertretenen Hoffnungen auf den Anbruch einer neuen Zeit, auf ein neues goldenes Zeitalter, auf einen Aufstieg der Erde in eine lichtvolle, friedliche, problemlose Sphäre aufgreift und verstärkt, indem sie das baldige Eintreten dieser Wende lehrt.

Attraktiv wirkt auch die Tatsache, dass Christina ihre Lesenden und Zuhörenden zu Miterbauern der idealen Gesellschaft macht. Je mehr Menschen sich der esoterischen Weltsicht öffnen, wie sie Christina präsentiert, und dieser nachleben, desto näher rückt der Aufstieg der Erde. Die Bemühungen esoterisch aktiver Menschen um ein spirituelles Leben, das angesichts der Weltsituation in den letzten Jahren vielen als vergebliche Anstrengung erschienen war, erhalten nun neuen Sinn.

So meint Christina zu ihrer Mutter: „Mama, die Menschheit steht mitten in einem riesigen Evolutionssprung, einem Quantensprung ihrer Geschichte. Dieser wird im Moment aber von den dunklen Mächten noch mit aller Kraft unterdrückt. Doch nicht die Dunkelmächte entscheiden über die Geschicke der Menschheit, sondern der freie Wille eines jeden einzelnen. Je mehr Menschen sich dazu ent- schliessen, den Weg des Lichts einzuschlagen, desto schneller wir sich der Quantensprung vollziehen.“ (Band 2s.40)

Wer die Chance, beim Aufstieg der Erde dabei zu sein, nicht nutzen will, wird mit eindringlichen Worten ermahnt, in einem Stil, der an Prediger der erwecklichen Zeltevangelisatio- nen erinnert:

„Es steht jedem Menschen frei, sich für ein solches Verharren im dreidimensionalen Denken und Handeln zu entscheiden. Niemand wird gezwungen, sein Bewusstsein zu erweitern und seine individuelle Frequenz zu erhöhen. Der Schöpfer, Mutter Erde, die unterstützenden höherdimensio- nalen Lichtwesen und die bereits inkarnierten Menschen der neuen Zeit laden uns unaufdringlich ein, am Transformationsprozess teilzuhaben und den Quantensprung der Menschheit mitzumachen. Doch entscheiden wird jede einzelne Seele auf der ihres freien Willens selbst.

Es ist nicht verboten, an seinen lieb gewordenen Mustern und Prägungen festzuhalten und weiterhin nach der bisherigen, vorprogrammierten Software des Egos zu leben. Es ist nicht verboten, an seinen Ängsten und Zweifeln festzuhalten und auf diese Weise negative Schwingungen im Inneren und Äusseren weiterhin zu nähren. Es ist nur unsagbar schade, diese im wahrsten Sinne des Wortes einmalige Chance, die sich den Erdenmenschen bietet, zu verpassen.“ (Band 2 s. 75)

Die Gesellschaft der fünften Dimension beschreibt Christina so:

Es existieren „kaum noch Krankheiten, geschweige denn Altersbeschwerden. Denn bei hochfrequenten Wesen stoppt der Alterungsprozess zwischen 32 und 35 Jahren.“

– „Was die fünfdimensionale Ernährung betrifft, so erfolgt sie mehrheitlich durch Lichtnahrung. Es gibt aber auch noch vereinzelte pflanzliche Produkte, die gegessen werden. (Band 2 s. 235)

– „Das Klima wird überall auf der Erde mediterran oder tropisch sein.“

– „Es gibt zwar eine Art Hierarchie, also eine gewisse gesellschaftliche Ordnung, aber nicht so, wie die meisten heutigen Menschen es sich vorstellen. Diese Ordnung könnte man vielleicht mit einem Bienenstock vergleichen, in dem jede Biene genau weiss, was sie zu tun hat, und in dem alles perfekt organisiert wird. In ähnlicher Weise wird es für jeden Menschen eine freie Beschäftigung, also eine Lebensaufgabe und Berufung geben sowie den erforderlichen Raum, um diesen Dienst innerhalb eines grossen Ganzen zum Wohl der Allgemeinheit zu erfüllen. Jeder Mensch wird seine individuelle Berufung kennen und seine Arbeit und all sein Tun aus vollem Herzen verrichten.“ (Band 2 s. 236f.)

– „Die Menschen werden alle für ein gemeinsames ‚Wir’ zusammenarbeiten, und dadurch werden sie Erfüllung und Freude von unvorstellbarem Ausmass erleben.“

– „Sie werden in Gemeinschaften leben und diese Gemeinschaften werden Lichtzentren erbauen.“

– „Es wird Anführer geben, die wirklich von Herzen für das Wohlergehen der Bevölkerung sorgen.“

– „Die ganze Gemeinschaft wird sich um die Kinder kümmern, und es werden regelmässig Zusammenkünfte abgehalten, um festzustellen, welche Arbeiten und Projekte anstehen.“

– „Projekte, Forschungspläne und Entscheidungen von grösserem Ausmass werden dem Rat der Weisen vorgelegt“.

– „Da es keine Zeit mehr gibt, wird man auch niemals unter Zeitdruck stehen, und so gibt es auch keinen Stress.“ (Vermutlich meint Christina ein Ende der Zeitmessung, nicht ein Ende des Ablaufs der Zeit. Andernfalls würde der folgende Punkt wenig Sinn machen).

– „Die Menschen werden harmonisch mit dem Tag- und Nachtrhythmus der Natur leben.“ (Band 2 s. 237)

– „Technologie und elektronische Geräte im heutigen Sinn werden sich mehrheitlich erübrigen.“

– „Künstliche Fahrzeuge werden unnötig sein, da die Menschen die natürliche Kunst der Teleportation aktiviert haben werden. Das heisst, sie werden fähig sein, sich mithilfe der Gedankenkraft selber von A nach B zu ‚beamen’.“ (Band 2 s. 238)

– „Es wird eine Sprache geben, die jeder versteht. Es ist die Sprache des Lichts.“ (Band 2 s. 239)

– „Es wird weiterhin Partnerschaften geben, wobei jedes Paar sozusagen eine kosmisch-irdische Einheit im Einklang mit dem göttlichen Plan bildet … In der mystischen Hochzeit verschmelzen die Seelen auf allen Ebenen miteinander, und die männliche und die weibliche Energie werden wieder im Gleichgewicht stehen.“

– „Für die Fortpflanzung wird die Eizelle der Frau durch kosmisches Licht befruchtet. Das nennt man eine ‚Heilige Empfängnis’.“ (Band 2, s. 243)

Kommentar: Christinas fünfte Dimension ist definitiv kein Schlaraffenland, sondern eine insgesamt eher asketische Angelegenheit. Deutlich sind die kollektivistischen Züge, so wird das Bild des Bienenstocks gerne von umstrittenen Gemeinschaften verwendet, etwa von Ivo Saseks Organischer Christus-Generation OCG. Ob alle Christina-Fans in dieser fünften Dimension glücklich würden, scheint mir sehr fraglich.

Ein dritter Grund für den Erfolg der Christina von Dreien könnte nebst ihren Vorstellungen von der spirituellen Begleitung des Menschen und ihrer Verkündigung eines nahen Anbruchs einer paradiesischen Zeit in ihren Überlegungen zu ihrer eigenen Generation und zu den vorangegangenen liegen.

Indigo-Kinder

Seit Ende der Neunzigerjahre hat sich in der Esoterik die Vorstellung verbreitet, dass die heutigen Kinder spiritueller wären als die Menschen früherer Jahrzehnte. Allgemein wurde angenommen, dass die seit ca. 1980 geborene Generation eine Indigo-farbige Aura aufweise und sich zu Menschen entwickle, welche spirituelle Anliegen in weit stärkerem Masse pflegen würde als die vorangegangenen Generationen.

Kristall-Kinder

Als gegen Ende der 2000-Jahre klar wurde, dass die ab dem Jahr 1980 geborene Jugend in ihrem Durchschnitt keinesfalls deutlich spiritueller orientiert ist als die Menschen, welche in den 1960ern oder 1970ern auf die Welt kamen, haben manche Exponenten der Esoterik die Vorstellung der Indigo-Kinder adaptiert. Nun sollten es die seit 1990 geborenen sog. „Kristallkinder“ sein, welche die esoterik-affine Generation bilden sollten, wogegen die Indigos der Jahrgänge 1980-1989 als Vorkämpfer gelten, die wegen der gesellschaftlichen Widerstände wenig ausrichten hätten können. Mittlerweile haben sich auch diese Erwartungen eher verflüchtigt.

Neuinterpretation

Seit einigen Jahren ist im Esoterik-Bereich eine Neuninterpretation zu beobachten: Als Indigos gelten nun die Jahrgänge schon ab 1960, womit die ursprünglichen Aussagen über diese Generation sinnvoll scheinen (in kritischer Sicht wurde damit gewissermassen die Zielscheibe nachträglich um den Treffer herum gemalt).

Manche, so auch Christina von Dreien, bezeichnen die Jahrgänge von 1980-1999, die mithin die ursprünglichen Indigokinder umfassen, nun mit dem Begriff der Kristallkinder, wobei sich dann die Schwierigkeit ergibt, anzugeben, was die Kristallkinder über die Indigo-Kinder hinaus zur Entwicklung beigetragen haben. Bernadette von Dreien nennt in ihrem Buch u.a. den Kirchenaustritt. Die Indigos seien noch in den alten Strukturen verhaftet geblieben, erst die Kristallkinder hätten sich davon freigemacht.

Regenbogen-Kinder

Die Jahrgänge nach 2000 gelten nun als „Regenbogenkinder“, ein Terminus, den auch Christina von Dreien aufgreift. Die Regenbogenkinder sind für Christina von Dreien die eigentlichen Träger der Weltenwende: „Diese neuen Kinder schwingen in einer nochmals höheren Frequenz und sind nicht interessiert an zwanghaften Machtsystemen, nicht an äusserlich-materiellem Erfolg und nicht an billiger sozialer Anerkennung. Die veralteten Schulsysteme, die dreidimensionalen Wissenschaften, die manipulativen Technologien, die patriarchalen Glaubenssysteme und die destruktiven Auswüchse der Kultur und des Konsums – dies alles fasziniert sie nicht, aber sie reagieren darauf auch nicht mit Wut, Ablehnung und Verurteilung. Sie leben in einem harmonischen Wir-Bewusstsein, sie kennen die universellen Gesetze und Spielregeln, und daher werden sie andere Wege einschlagen. Als ermächtigte Träger der Vision des Guten werden sie die Erbauer einer zukünftigen Gesellschaft voller Respekt, Harmonie und Frieden sein.“ (Band 2 s. 50f.)

Die Erwartungen an die Regenbogenkinder sind damit in etwa dieselben, wie sie die ursprünglichen Indigo-Kinder-Autoren an die Jahrgänge nach 1980 gerichtet haben. Ob die Hoffnungen in ihrer aktualisierten Form an Plausibilität gewinnen, ist sehr fraglich. Die jungen Leute mit Jahrgang 2000 und 2001, die ich persönlich kenne, scheinen sich mir nicht grundsätzlich von den vorangegangenen Jahrgängen zu unterscheiden.

Christina von Dreien kritisiert immer wieder Schule, Medien, Wissenschaften und Religionen dafür, dass sie die Realität verzerrt darstellen würden. Gerne und ausgiebig stellt Christina diesen angeblich verfälschten Informationen den aus ihrer Sicht wahren Sachverhalt entgegen, den sie teils aus älterer esoterischer Literatur schöpft, teils selber entwickelt.

So wiederholt Christina von Dreien die in älterer Esoterik-Literatur verbreitete, aber nachweislich falsche und einfach zu widerlegende Behau tung, die Bibel sei nach 550 n. Chr. verändert worden: „Jesus hat ursprünglich den Menschen die universelle göttliche Wahrheit vermittelt. Die Niederschriften seiner Lehren wurden jedoch etwa ab dem Jahr 550 n. Chr. durch dunkle Mächte entweder vernichtet oder massiv verändert. Darin enthalten waren zum Beispiel Ausführungen zum Verständnis des Jenseits und der feinstofflichen Realitäten.“ (Band 2 s. 87)

Abgesehen davon, dass Jesus sich für solche esoterischen Themen nach Ausweis des Neuen Testaments wenig bis gar nicht interessierte, zeigen alle Bibelhandschriften und Fragmente aus der Zeit vor 550 n. Chr. denselben Text wie heute, so dass die Behauptung einer Veränderung der Bibel nach dem Jahr 550 schlicht absurd ist.

Auch im Bereich der Astronomie ist aus Christinas Sicht vieles ein wenig anders, als es der heutige Forschungsstand hergibt: „Die schwarzen Flecken auf der Oberfläche unserer Sonne sind übrigens Eingänge ins Innere der Sonne. Denn auch dort gibt es, wie überall, Leben.“ (Band 2 s. 127)

Die Erde sei, so meint Christina „rund 50 Milliarden Jahre alt“ – mithin weit älter als das Universum, das nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft auf 13,7 Milliarden Jahre kommt. Zuerst sei die Erde im „Orion-System“ erschaffen worden. Nach 30 Milliarden Jahren sei die Erde dann in unser Sonnensystem gebracht worden und damit seit rund 20 Milliarden Jahren ein Planet unserer Sonne (Band 2 s. 129).

 

Auch zu umstrittenen Themen bringt Christina von Dreien Beiträge, wenn auch nicht immer die ernsthaftesten. So existieren zur Frage, wie die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden, ja differente Theorien, plausiblere und unwahrscheinlichere. Christinas Beitrag ist unter allen mir bekannten Varianten der phantastischste: „In Ägypten beispielsweise nutzte man so etwas Ähnliches wie fliegende Teppiche, um die Steinblöcke zu transportieren.“ (Band 2 s. 192)

 

Christina von Dreien wiederholt die alte und falsche, aber auch problematische Theorie von den angeblich verschwundenen Mayas: „Meiner Ansicht nach war nach 2000 – 3000 Jahren einfach das goldene Zeitalter vorbei, und es war Zeit für die Maya, zu gehen. Sie verliessen die Erde durch ein Tor und reisten in eine andere Galaxie weiter.“ (Band 2 s.193)

Selbstverständlich haben die Mayas die Erde nicht verlassen, sondern leben immer noch dort, wo sie in klassischer Zeit gelebt haben. Zwar wurden in der Geschichte der Mayas Städte aufgegeben, die zu Ruinen wurden, und andere Siedlungen traten an ihre Stelle. Die Sprachen der heutigen Mayas im Süden Mexikos und in Guatemala stammen von der klassischen Maya-Sprache der Maya-Inschriften ab, genauso wie etwa die romanischen Sprachen aufs Latein zurückgehen. Zu sagen, die Mayas seien verschwunden, ist so sinnvoll, wie zu behaupten, die Römer hätten am Ende ihres Reichs die Erde verlassen.

Problematisch wird das Ganze durch den rassistischen und kulturimperialistischen Hintergrund der Theorie von den verschwundenen Mayas. Diese entstand nicht zuletzt deshalb, weil europäische Forscher (und Esoteriker) den Mayas, die heute in Mexiko und Guatemala leben, die Kulturleistung nicht zutrauten, welche sich in den Zeugnissen der klassischen Maya-Kultur zeigt. Es waren mithin rassistische und kulturimperialistische Vorurteile, welche zur Theorie von den verschwundenen Mayas führten, und wer diese These heute wiederholt, transportiert den darin enthaltenen Rassismus mit. Von einem Regenbogenkind – und insbesondere von einem, welches Zugang zur universellen Wissensbibliothek hat – würde ich erwarten, dass es von solchen auf Rassismus basierenden Theorien die Finger lässt.

Christina von Dreien ist – im Unterschied etwa zu Pascal Voggenhuber – keine begnadete Rednerin, sie spricht zwar frei, aber manchmal wenig stringent, indem sie von Thema zu Thema springt, was auch ihre Mutter einräumt: „Wenn Christina erst einmal in Fahrt kommt und über ein bestimmtes Thema referiert, ist sie kaum mehr zu stoppen und bezieht eine Vielzahl weiterer Aspekte in ihre Ausführungen mit ein.“ (Band 2 s. 39f.)

Als ich im Januar dieses Jahres einen Vortrag von Christina von Dreien im Zürcher Volkshaus besuchte, haben sich in der Pause und nach der Veranstaltung verschiedene Teilnehmende bei mir über Christinas Stil beschwert: Es sei schwierig gewesen, ihr zu folgen, wurde etwa gesagt. Zudem wurde bemängelt, dass Christina sich weitgehend auf ältere Publikationen abstütze und wenig Neues bringe. Eine Dame brachte beide Einwände folgendermassen auf den Punkt: „Ich habe alles, wovon heute Abend die Rede war, schon öfter gehört, aber noch niemals in derart schlechter Präsentation“.

Andere Anwesende zeigten sich von der teeniehaft-unbefangenen Ausstrahlung Christinas beeindruckt und waren gerne bereit, über die rhetorischen Mängel hinwegzusehen. Wie lange dieser Effekt noch spielt, wird sich weisen müssen.

Mit den Einnahmen aus Büchern und Vorträgen haben die von Dreiens eine Stiftung begründet, welche u.a. eine neue Form der Schule ohne Lehrplan, Lernziele und verpflichtende Tests initiieren soll.

Christina von Dreien nimmt, wie ein Vergleich des ersten Buches ihrer Mutter mit dem zweiten verdeutlicht, zunehmend auf Verschwörungstheorien Bezug. So greift sie folgende im Internet kursierenden Konspirationsthesen auf:

Kontakt zu Ausserirdischen: Die Regierungen der Welt sind schon längst mit Ausserirdischen in Kontakt, vertuschen das aber.

Üble Ausserirdische beherrschen die Erde: Hinter den Regierungen stehen dunkle Mächte, welche die Menschheit versklaven, weil sie von einer unterdrückten Menschheit profitieren.

Medienverschwörung: Die Medien werden von üblen Mächten beherrscht und haben das Ziel, die Menschen zu manipulieren.

Unwissende und/oder manipulierte Wissenschaft: Der Wissenschaftsbetrieb wird in den Büchern von Bernadette von Dreien wechselweise als unwissend oder als manipuliert dargestellt.

Reptilianer: Die Dinosaurier waren intelligente Lebewesen von einem anderen Planeten und sind heute noch auf der Erde anzutreffen. Christina vermutet sie in unterirdischen Höhlensystemen.

Hohlwelt: Das Innere der Erde ist hohl und bewohnt, in der Mitte befindet sich eine kleine Sonne. In die Hohlwelt haben sich Teile der Bevölkerung von Atlantis zurückgezogen.

Im Studio nachgestellte Mondlandung: Die Mondlandung hat in Christinas Sicht zwar tatsächlich stattgefunden, die damals am Fernsehen gezeigten Bilder wurden aber mindestens teilweise im Studio nachgestellt. „Heute dient der Mond übrigens als Basis sowie als Treffpunkt für Regierungsvertreter vieler Staaten mit Ausserirdischen. Etliche Staaten besetzen auf dem Mond genau abgegrenzte Zonen, die dem Austausch dienen, insbesondere dem Austausch von Technologie.“ (Band 2, s. 141)

Wie auch anderswo dienen diese Verschwörungstheorien in Bernadette von Dreiens Büchern unter anderem dazu, Unstimmigkeiten zu erklären, die sich aus der eigenen Theorie ergeben. Wenn Christina Inhalte erzählt, die den Erkenntnissen in Wissenschaft und Medien widersprechen, dann sind letztere entweder unwissend, oder sie vertuschen die wahren Zusammenhänge bewusst.

Ein neueres Thema in Christina von Dreiens Tätigkeit sind die Organtransplantationen. Im Januar 2018 hat sie sich dazu kritisch in ihrem Blog geäussert, und auch das dem Schlusswort vorangehende letzte Kapitel des zweiten Bandes der Buchreihe ist diesem Thema gewidmet.

Christina sieht Organtransplantationen kritisch und warnt vor negativen Folgen vor allem für die Spendenden.

So schreibt Christina etwa: „Die Mediziner sagen, dass man einem Menschen erst dann ein Organ entnehmen dürfe, wenn er für hirntod erklärt worden sei. Dieser sogenannte Hirntod gleicht einer Art Koma-Zustand. In den meisten Fällen verhält es sich beim Koma so, dass sich die Seele nach wie vor im Körper befindet oder zumindest noch mit dem Körper verbunde ist. Beim Hirntod ist es genau gleich. So gesehen werden Transplantationsorgane im Grunde immer noch einem noch lebenden Menschen entnommen. Erst dadurch, dass dem Organspender die jeweiligen Organe entfernt werden, wird der Körper endgültig nicht mehr lebensfähig, so dass die Seele dann den Körper verlässt.“ (Band 2 s. 328).

Medizinisch gesehen sind aber Koma und Hirntod verschiedene Zustände, die neurologisch eindeutig voneinander unterschieden werden können.

Weiters nimmt Christina auf die Loslösung der Seele vom Körper beim Tod Bezug: „Im Falle einer Organspende jedoch lebt das gespendete Organ in einem anderen physischen Körper noch weiter, so dass der Spender sich nicht vollständig versabschieden kann. Sofern er kein aussergewöhnlich hoch entwickeltes Bewusstsein hat, das sozusagen von Natur aus schon über der physischen Ebene steht, wird er wahrscheinlich dazu neigen, sich auch nach seinem Tode weiterhin in der Nähe des Empfängers aufzuhalten, da dort ja gefühlt noch ein Teil seiner selbst weiterlebt. Dieses Gefühl wird ihn an der Weiterreise zum Licht hindern, und er wird erdgebunden bleiben. … Erst wenn irgendwann das transplantierte Organ nicht mehr funktioniert, genau gesagt, wenn der Empfänger ebenfalls stirbt und seinen Körper verlässt, erst dann kann die energetische Verbindng an das Organ aufgelöst werden, und die Seele des Organspenders kann endlich gehen.“ (Band 2 s. 329f.)

Eine weitere Problematik sieht Christina von Dreien darin, dass mit der Entnahme von Organen beim Organspender eine entsprechende Lücke im Ätherkörper (einem energetischen Abbild des Körpers, das in klassisch theosophischem Weltbild im Anschluss an die Lebenskraft-Spekulationen des 19. Jahrhunderts die Lebensfunktionen des Körpers aufrecht erhalten soll). Diese Lücke im Ätherkörper könnte nun, so spekuliert Christina, dazu führen, dass in der nächsten Inkarnation das entsprechende Organ fehlt.

Diese Gefahr sieht Christina durchaus auch bei Operationen zu Lebzeiten, so resümmiert ihre Mutter: „Wie ich von Christina gelernt habe, ist das Entfernen von Organen oder Körperteilen aus energetischer Sicht imer mit einem gewissen Risiko verbunden. Das gilt auch für kleinere Eingriffe wie etwa das Entfernen von Rachenmandeln, Blinddarmfortsatz, Gebärmutter und dergleichen. Denn auch diese Teile fehlen dann im Ätherkörper. Im grossen Unterschied zu Organentnahmen bei einem Verstorbenen besteht hier allerdings die Möglichkeit, die Korrektur im Ätherischen noch zu Lebzeiten vorzunehmen, so dass keine Lücke im Ätherkörper zurückbleibt und man unbeschädigt die nächste Inkarnation antreten kann.“ (Band 2 s. 330f.)

In den Medien wird gelegentlich die Frage diskutiert, ob der Christina-Hype über längere Zeit anhalten oder alsbald abebben wird.

Die Antwort auf diese Frage wird von mehreren Faktoren abhängen:

Gelingt es Christina von Dreien, ähnlich mediengewandt und rhetorisch professionell zu werden, wie es etwa Mike Shiva und Pascal Voggenhuber sind? Auf den Charme des unbefangenen Teenie-Geplauders allein wird sie sich nicht mehr verlassen können, wenn sie ihr zwanzigstes Lebensjahr mal überschritten hat.

Findet Christina von Dreien Erklärungen dafür, warum die Welt in fünf, zehn und zwanzig Jahren immer noch nicht der idealen Gesellschaft entspricht, welche sie vorhersagt? Und werden diese Erklärungen für ihr Publikum plausibel sein, das sich nach baldiger Veränderung sehnt?

Gelingt es Christina von Dreien, ein Spezialgebiet innerhalb der Spiritualität zu besetzen, für welches sie in der Öffentlichkeit als erste Adresse gilt, so wie es bei Mike Shiva fürs Wahrsagen und bei Pascal Voggenhuber für die Jenseitskontakte der Fall ist?

Schafft es Christina von Dreien, ihre Fantasie soweit zu zügeln, dass sie sich nicht mit unbescheidenen Inkarnationen, erfundenen Zitaten und unbedachten Äusserungen zu heiklen Themen selbst ein Bein stellt?

Ein über Jahrzehnte anhaltender Christina-Hype würde ein eindeutiges Ja zu allen obigen Fragen bedingen und ist deshalb aus heutiger Sicht eher fraglich.

Denkbar ist auch, dass früher oder später ein jüngeres Kind auftritt, welches in Christinas Fussstapfen tritt, die von ihr geschürten Hoffnungen neu befeuert und damit ihr Publikum an sich zieht.

Website von Christina von Dreien:
https://www.christinavondreien.ch/

Website des Govinda-Verlags:
http://www.govinda.ch/

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